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Wie ein KI-Startup in 72 Stunden von drei Konzernen zerrissen wurde

Alex · · KI Tools · 6 Min. Lesezeit · 0 Kommentare ·
Feature Image zum Thema Windsurf KI-Startup

Es gibt Startups, die werden gekauft. Und es gibt Startups, die werden gleichzeitig von OpenAI fallen gelassen, von Google filetiert und von einem KI-Agenten-Startup aufgekauft — alles innerhalb von drei Tagen. Windsurf gehört zur zweiten Kategorie. Die Geschichte dahinter ist so absurd, dass sie schlecht erfunden klingt.

Aus einer GPU-Optimierungsplattform wird der gefährlichste Code-Editor der Welt

2021 gründen die MIT-Absolventen Varun Mohan und Douglas Chen ein Unternehmen namens Exafunction. Der Plan: GPU-Infrastruktur optimieren. Das klingt unspektakulär, weil es unspektakulär ist. 2022 folgt der Pivot — weg von der Infrastruktur, hin zu einem KI-gestützten Code-Assistenten. Das Unternehmen nennt sich jetzt Codeium und bietet eine kostenlose Alternative zu GitHub Copilot an. Es wächst. Still, aber schnell.

Im November 2024 launcht das Team die Windsurf Editor IDE — kein Plugin, das sich in bestehende Editoren hängt, sondern ein vollständiger VS-Code-Fork, der KI nicht als Zusatz behandelt, sondern als Kern. Das Herzstück heißt Cascade: ein agentisches System, das den gesamten Codebase versteht, Multi-File-Edits autonom durchführt und Terminal-Befehle ausführt, ohne dass man jeden Schritt manuell anstößt. Im April 2025 wird das Rebranding offiziell. Codeium existiert nicht mehr. Es gibt jetzt nur noch Windsurf. Zu diesem Zeitpunkt hat das Unternehmen 243 Millionen Dollar eingeworben, zuletzt bei einer Bewertung von 1,25 Milliarden Dollar — und eine ARR von 100 Millionen Dollar, die sich innerhalb weniger Monate verdoppelt hat.

OpenAI will kaufen — und scheitert ausgerechnet an Microsoft

Im Mai 2025 gibt OpenAI bekannt, Windsurf für rund 3 Milliarden Dollar übernehmen zu wollen. Es wäre die größte Akquisition in OpenAIs Geschichte gewesen. Die strategische Logik ist offensichtlich: OpenAI hatte kurz zuvor versucht, auch Cursor zu kaufen — was scheiterte, nachdem Cursor eine Funding-Runde bei 9 Milliarden Dollar abschloss. Windsurf ist der Plan B und gleichzeitig ein direkter Angriff auf Microsoft GitHub Copilot und Anthropics Claude Code.

Aber da ist ein Problem. Microsofts Partnerschaftsvertrag aus 2023 gibt dem Konzern Rechte an allem, was OpenAI entwickelt oder akquiriert. Microsoft betreibt GitHub Copilot. GitHub Copilot konkurriert direkt mit Windsurf. CEO Varun Mohan will Windsurfs Technologie nicht mit dem Copilot-Konkurrenten teilen. OpenAI fragt Microsoft, ob man Windsurfs Tech aus dem Vertrag heraushalten kann. Microsoft sagt Nein. Der Deal hat eine Exklusivitätsfrist — sie läuft am 11. Juli 2025 ab.

Anthropic zieht mittendrin den Stecker — aus einem guten Grund

Während OpenAI und Windsurf noch verhandeln, trifft im Juni 2025 das nächste Drama ein. Anthropic kündigt Windsurf mit weniger als fünf Tagen Vorlauf, dass nahezu die gesamte First-Party-Kapazität für alle Claude-3.x-Modelle gestrichen wird. Claude 3.5 Sonnet, Claude 3.7 Sonnet, Claude 3.7 Sonnet Thinking — alles weg. Windsurf hatte stets signalisiert, für die volle Kapazität zahlen zu wollen. Es war kein Zahlungsstreit.

Anthropics Mitgründer Jared Kaplan liefert die ehrlichste Erklärung: „Ich fände es seltsam, Claude an OpenAI zu verkaufen." Das ist der eigentliche Grund. Claude-Daten in einem Produkt, das bald OpenAI gehört, bedeuten potenziell Claude-Trainingsdaten für einen direkten Konkurrenten. Windsurf ist gezwungen, schnell auf Googles Gemini 2.5 Pro umzuschwenken. Andere Tools wie Cursor bekommen Claude 4 zum Launch — Windsurf nicht.

72 Stunden, drei Konzerne, ein zerrissenes Startup

Am 11. Juli 2025 läuft die Exklusivitätsfrist ab. Was folgt, ist das komprimierteste M&A-Drama des Jahres. Noch am selben Freitagabend gibt Google bekannt: Mohan, Chen und ein Teil des R&D-Teams wechseln zu Google DeepMind. Google zahlt dafür rund 2,4 Milliarden Dollar — nicht für das Unternehmen, nicht für die Equity, sondern für Talent und eine nicht-exklusive Technologielizenz. Windsurf bleibt formal eigenständig, verliert aber seine gesamte Führung.

Cognition AI — Macher des autonomen Coding-Agents Devin — ruft am selben Freitagabend nach 17 Uhr zum ersten Mal an. Bis Montagmorgen, 14. Juli, ist der Deal durch: Cognition übernimmt Windsurfs IP, Produkt, Marke und alle verbliebenen rund 210 Mitarbeiter für rund 250 Millionen Dollar. Alle Mitarbeiter bekommen einen Anteil am Deal, Vesting-Cliffs werden rückwirkend gestrichen. Jeff Wang wird Interim-CEO, Graham Moreno President. Drei Tage. Drei Parteien. Ein Startup, zerlegt in Talent und Technologie.

Was Cognition aus Windsurf macht — und was User davon halten

Unter Cognitions Führung hat Windsurf den Claude-Zugang zurückbekommen. Das Produkt wird aktiv weiterentwickelt: Im Februar 2026 rankt Windsurf auf Platz eins in den LogRocket AI Dev Tool Power Rankings — vor Cursor und GitHub Copilot. Cognition hat außerdem ein eigenes Modell gebaut: SWE-1.5 läuft mit bis zu 950 Token pro Sekunde, 13-mal schneller als Sonnet 4.5, und erreicht 40 Prozent auf SWE-bench Verified. Seit April 2026 ist Devin Cloud direkt in Windsurf integriert — man kann laufende Cascade-Sessions per Klick an Devin in der Cloud delegieren, während man selbst im Editor bleibt.

Die Reaktion aus der Community ist gespalten. Auf der Produktseite sind die Stimmen überwiegend positiv: „Cascade on complex refactoring tasks is genuinely impressive — it handles multi-file changes that used to take days." Auf der Unternehmensseite ist die Stimmung kritischer. Im März 2026 stellt Windsurf das Preismodell von Credits auf ein Quota-System um und hebt den Preis von 15 auf 20 Dollar an — gleichauf mit Cursor, den man genau wegen des günstigeren Preises unterboten hatte. Dazu kommen Berichte über langsameren Support seit der Übernahme.

Die grundlegende Frage bleibt offen: Bleibt Windsurf ein eigenständiges IDE-Produkt, oder wird es sukzessive zum Frontend für Devin? Als von April 2026 sind beide noch getrennte Produkte — die angekündigte Verschmelzung hat noch nicht stattgefunden. Und Cursor baut derweil weiter.

Was die Gründer jetzt bauen

Mohan und Chen arbeiten bei Google DeepMind an Antigravity — einer neuen agentischen IDE, die im November 2025 zusammen mit Gemini 3 gelauncht wurde. Parallel-Agents, Browser-Integration, 76 Prozent auf SWE-bench Verified. Technisch das ambitionierteste Tool auf dem Markt. Die Pricing-Probleme und der fehlende MCP-Support haben dem frühen Hype bereits einen Dämpfer gegeben. Aber die Richtung ist klar: Die Windsurf-Gründer bauen Googles Antwort auf Cursor — diesmal mit den Ressourcen eines der größten Konzerne der Welt im Rücken.

Quellen
Alex

Alex

Webentwickler & AI-Enthusiast. Baut Dinge, nennt sich Vibe Engineer, schreibt über Technik, Code und alles dazwischen.

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