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Kann man mit Vibe Coding wirklich Geld verdienen?

Alex · · Vibe Coding · 5 Min. Lesezeit · 2 Kommentare ·
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Stell dir vor: Du öffnest ein KI-Tool, tippst ein paar Sätze, und Minuten später steht eine fertige App. Nächster Screenshot: die ersten zahlenden Kunden. Das Ganze in unter 48 Stunden.

Genau das verkaufen dir gerade Hunderte von YouTube-Videos, Newslettern und X-Threads. Und weißt du was? Sie lügen nicht mal. Sie zeigen nur nicht, was danach kommt.

Das echte Geschäftsmodell hinter dem Hype

Es gibt tatsächlich Menschen, die mit Vibe Coding Geld verdienen. Aber wenn du genauer hinschaust, wirst du etwas Interessantes feststellen: Das Geld macht meistens nicht die App. Das Geld macht das Reden über die App.

Kurse, Newsletter, YouTube-Kanäle mit Build-in-Public-Content – das alles funktioniert unabhängig davon, ob das gezeigte Produkt je jemanden ernährt hat. Das ist kein Vorwurf, Audience-Building ist ein legitimes Geschäftsmodell. Aber es erklärt, warum du überall Erfolgsgeschichten siehst, die sich beim zweiten Blick als etwas anderes entpuppen.

In Deutschland ist das übrigens noch weniger verbreitet als anderswo. Was bedeutet: Wer hier anfängt, hat kaum Konkurrenz – aber auch kaum Vorbilder.

Was passiert, wenn du wirklich verkaufen willst

Roman Koch, Indie-Developer aus Berlin, hat 2025 acht Apps gebaut. Sein Jahresergebnis: $1.464 Dollar nach Apple-Gebühren. Sein ehrlichstes Learning war kein technisches: Marketing schlägt Code – jedes Mal. Eine App, die niemand kennt, existiert praktisch nicht.

Das ist kein Einzelfall. Es ist das Muster. Und es beschreibt einen Punkt, den der Hype komplett ausblendet: Zwischen „es läuft auf meinem Rechner" und „es ist draußen, stabil, und jemand zahlt dafür" liegen noch mehrere Schritte. Distribution, Testing, Freischaltung, Marketing – alles kostet Zeit und Energie, bevor der erste Euro fließt.

Aus Deutschland gibt es dazu ein konkretes Beispiel. Jens Polomski, Mitgründer der KI-Plattform snipKI, baute an einem Freitagabend in fünf Stunden das Tool MyJourney – LinkedIn-Karriereverläufe als KI-generierte Illustration. Eine Woche später: 90.000 Nutzer, 160.000 generierte Bilder, tausende LinkedIn-Posts. Und 25.000 Euro API-Kosten, für die niemand geplant hatte. Das Tool wurde ein Hit – und hätte ihn fast ruiniert. Das zeigen die Erfolgsvideos nicht.

Die Kosten, über die niemand spricht

Neben dem Weg vom Prototypen zum Produkt gibt es noch ein anderes Thema, das selten erwähnt wird: was die Tools selbst kosten.

Jason Lemkin, bekannter SaaS-Investor, testete Replit zwölf Tage lang öffentlich und häufte dabei $607,70 an Zusatzkosten über seinen $25-Monatsplan hinaus an. Auf Reddit berichtete ein anderer Nutzer, dass nach Replits Wechsel auf nutzungsbasierte Preise eine einzelne kleine Änderung plötzlich $2 statt $0,25 kostete – und er $350 an einem einzigen Tag ausgab.

Wer einen vollständigen Stack betreibt – Cursor, Claude, Lovable oder Bolt, Supabase, Hosting – landet schnell bei über 1.000 Dollar im Jahr. Das ist kein Argument gegen Vibe Coding. Aber es ist ein Argument gegen die Illusion, dass Bauen fast nichts kostet.

Wer wirklich Erfolg hat – und warum

Es gibt zwei Gruppen. Die erste macht Inhalte über Vibe Coding und verdient damit gut. Die zweite baut wirklich – und wartet auf den Moment, an dem das Gebaute auch trägt. Ich gehöre zur zweiten.

Wer in dieser Gruppe erfolgreich ist, hat meist eines gemeinsam: Er versteht, was die KI produziert. Pieter Levels brachte einen KI-generierten Flugsimulator in 17 Tagen auf eine Million Dollar ARR – aber Levels programmiert seit Jahren und weiß, wann die KI Unsinn baut. Wolfgang Stefani aus Berlin schneidet Entwicklungszeiten und Budgets für Mittelstandskunden radikal zusammen – aber mit dem klaren Hinweis: Wer Vibe Coding falsch anwendet, löscht versehentlich seine Produktionsdatenbank. Roland Golla von Never Code Alone hat daraus sogar ein Geschäftsmodell gemacht – er rettet Projekte, die genau dort gescheitert sind.

Das Berliner Unternehmen Blinkist hat nach eigenen Angaben SaaS-Tools im Wert von 60.000 Dollar pro Jahr durch intern vibe-gecodete Apps ersetzt. Kein Startup, kein Hype – einfach ein konkreter wirtschaftlicher Nutzen, weil die richtigen Leute das Werkzeug richtig einsetzen.

Deutschland hat das noch nicht begriffen

Wenn du dich in der deutschen Vibe-Coding-Szene umschaust, wirst du feststellen: Eine gewachsene Community gibt es noch nicht wirklich. Was existiert, kommt größtenteils aus verwandten Welten – Automation, No-Code, KI allgemein. Das sind andere Denkweisen, andere Erwartungen, eine andere Logik. Das Bewusstsein dafür, was Vibe Coding als ernsthaftes Produktwerkzeug bedeutet, fehlt noch weitgehend.

Das ist keine Kritik, sondern eine Bestandsaufnahme. Und gleichzeitig eine Chance.

Über 3,4 Millionen KMU in Deutschland arbeiten mit veralteter Software und manuellen Prozessen – nicht weil sie es nicht besser wollen, sondern weil individuelle Softwareentwicklung bisher zu teuer war. Eine Zeiterfassungssoftware für 150 Mitarbeiter kostet als Standardlösung bis zu 15.000 Euro pro Jahr. Mit einem strukturierten Vibe-Coding-Ansatz war sie für 3.500 Euro einmalig umsetzbar.

Tools auf Deutsch für Handwerksbetriebe, Arztpraxen, lokale Dienstleister – auf Englisch gibt es vieles davon schon. Auf Deutsch fast nichts. Wer jetzt anfängt, hat einen zeitlichen Vorsprung, den es in zwei Jahren nicht mehr geben wird.

Fazit

Vibe Coding als Produkt funktioniert – aber nicht so, wie der Hype es verkauft. Die Hürde zum Bauen ist gesunken. Die Hürde zum fertigen, verkaufbaren, wartbaren Produkt ist eine andere – und die bleibt.

Wer das versteht, hat einen echten Vorsprung. Wer es nicht versteht, baut Prototypen und nennt sie Produkte.

„Vibe coding is a capability. It's not a strategy." – theanna.io, März 2026

Quellen

Quellen: Roman Koch, Medium (Jan. 2026) · Jens Polomski / snipKI, business-punk.com (Dez. 2025) · theanna.io (März 2026) · wolfgegenlicht.de – Wolfgang Stefani · nevercodealone.de – Roland Golla · blinkist.com · devilink-consulting.com (Feb. 2026) · Jason Lemkin / SaaStr, The Register & Fortune (Juli 2025) · Pieter Levels, X (März 2025) · IfM Bonn – KMU-Statistik 2023

Alex

Alex

Webentwickler & AI-Enthusiast. Baut Dinge, nennt sich Vibe Engineer, schreibt über Technik, Code und alles dazwischen.

Kommentare (1)

Joachim
Joachim vor 6 Monaten
Klasse Beitrag lieber Alex, weiter so! Grüße Joachim
Alex
Alex Autor vor 6 Monaten
Vielen Dank 👍

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